15. Mai 2025 5 Minuten Lesezeit

Abwanderung stoppen

So beurteilen Sie die Wechselbereitschaft in Ihrer Belegschaft

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Das Thema Fachkräftemangel ist aktueller denn je. Statistiken vermelden Rekordwerte an offenen Stellen und einen Rückgang an Personen, die Arbeit suchen. Vor diesem Hintergrund steigt die Sorge der Unternehmen um jeden Mitarbeitenden, der Kündigungsabsichten hegen könnte. Und von diesen gibt es viele. Denn die Wechselbereitschaft der deutschen Beschäftigten ist hoch, wie Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Forsa belegen.

Kein Wunder, dass Unternehmen sich zunehmend damit befassen, wie sehr sie davon betroffen sind, dass dringend benötige Arbeitskräfte abwandern könnten. Das lässt sich ermitteln. Hier zeigen wir, wie.

    Methoden zur Beurteilung von Wechselbereitschaft

    Es gibt zwei Arten, sich der Frage nach der Wechselbereitschaft im eigenen Unternehmen zu nähern: per Faustformel oder mittels analytischem Zugang.

    Als Faustformel darf ein Personenprofil („Persona“) gelten, das folgende Merkmale aufweist:

    Wechselwillige Mitarbeitende sind häufig jung, Single ohne Kinder und ohne Eigentum, sind noch nicht lange im Unternehmen, weisen hohe Fehlzeiten oder Krankheitsausfälle auf und verdienen im Vergleich zu Kolleginnen und Kollegen mit einem ähnlichen Profil eher wenig.

    Kaum wechselwillige Mitarbeitende sind häufig verheiratet, ernähren Kinder, besitzen Eigentum, sind schon länger im Unternehmen, weisen verhältnismäßig geringe Fehlzeiten oder Krankheitsfälle auf und verdienen relativ gut im Vergleich zu anderen.

    Diese Formel basiert nicht auf einem Bauchgefühl erfahrener Personalprofis, sondern auf umfangreicher Forschung. Dennoch können Sie Führungskräften und HR-Verantwortlichen natürlich nur als Anhaltspunkt dienen, wenn es darum geht, das Abwanderungsrisiko einzelner Kolleginnen und Kollegen einzuschätzen.

    Valider ist der analytische Zugang. Hier gilt es, unterschiedliche Risikofaktoren im Unternehmen zu erfassen und zu aggregieren, die darüber bestimmen, wie wahrscheinlich es ist, dass Kolleginnen oder Kollegen statistisch gesehen geneigt sind abzuwandern. Wie das folgende Schaubild zeigt, ist das ein Bündel von Determinanten, die sich fünf großen Bereichen zuordnen lassen:

    1. Charakteristika der Mitarbeitenden
    2. Arbeitseinstellung und Verhalten der Mitarbeitenden
    3. Charakteristika des Arbeitsplatzes
    4. Arbeitsmarkt-Aspekte
    5. Organisationaler Kontext und Fit zwischen Mitarbeitenden und Organisation

    Wer sich also auf dem einen oder anderen Wege systematisch ein Bild über das Abwanderungsrisiko in einzelnen Bereichen, Berufsgruppen oder näherungsweise bei Personen verschafft, kann frühzeitig reagieren und vorbeugen. Aber Achtung: Die Ermittlungsverfahren haben ihre Tücken.

    Risikofaktoren mit Einfluss auf Wechselbereitschaft

    Herausforderungen bei der Risikoanalyse

    Die Faustformel birgt die Gefahr der Pauschalierung: „Wer dem Personenprofil entspricht, ist sicher recht bald weg.“ Dieser Gedanke springt zu kurz. Hier gilt es, durch persönliche Gespräche und Zuwendung statistische Wahrscheinlichkeiten im Einzelfall zu hinterfragen.

    Der analytische Zugang wiederum muss mehrere Hürden nehmen. Diese sind:

    01

    Datenverfügbarkeit

    Möglichst viele der relevanten Daten müssen verfügbar und gepflegt sein
    02

    Datenschutz

    Es müssen die Vorgaben des Arbeitnehmerdatenschutzes beachtet werden
    03

    Betriebsrat

    In mitbestimmten Unternehmen sind die Regeln zur Information und Beteilung des Betriebsrates einzuhalten

    Es ist also immer zu prüfen, ob und wie viele der relevanten Daten in Personal-, Lohnabrechnungs- und Zeitwirtschaftssystemen vorhanden sind. Bei Daten rund um Einstellung und Verhalten sowie Organisationalem Fit der Mitarbeitenden muss man auf Mitarbeiterbefragungen setzen, gelangt schnell an die im Arbeitnehmerdatenschutz gesetzten Grenzen und braucht in mitbestimmten Unternehmen die Arbeitnehmervertretung an seiner Seite. Arbeitsmarktaspekte müssen zudem aus externen Quellen einfließen, was ebenfalls eine Herausforderung darstellt.

    Softwaregestützte Tools, die Wechselbereitschaft („flight risk“) vorhersagen, sollten daher immer in enger Abstimmung mit den jeweiligen Unternehmen aufgesetzt werden. Individuelle Beratung zu allen drei Dimensionen ist unerlässlich.

    Handlungsempfehlungen zur Senkung des Abwanderungsrisikos

    Risiken zu kennen, ist allerdings nur dann von Wert, wenn man auch Mittel und Wege hat, sie zu minimieren. Hier empfiehlt es sich, die folgenden vier Hebel zu bedienen:

    01

    Führungskräfte sensibilisieren

    Machen Sie Ihre Leitungskräfte darauf aufmerksam, dass es Teil ihrer Aufgabe ist, die Wechselbereitschaft ihrer Kolleginnen und Kollegen im Blick zu behalten. Halten Sie sie an, rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen, wenn sich Abwanderungstendenzen zeigen.
    02

    Risiken analysieren

    Flankieren Sie die Führungsarbeit mit systematischen Analysen von Determinanten wie den oben genannten, die Sie frühzeitig auf neuralgische Personengruppen, Bereiche oder Jobprofile im Unternehmen aufmerksam machen.
    03

    Problemfälle frühzeitig behandeln

    Drängen Sie darauf, dass abwanderungswilligen Mitarbeitende schon bei den ersten Anzeichen auf Wechselbereitschaft besonderes Augenmerk geschenkt wird und gehen Sie in den Dialog, woher die Wechselbereitschaft rühren könnte.
    04

    Arbeitswelt optimieren

    Sorgen Sie dafür, dass Ihre betriebliche Arbeitswelt an den entscheidenden Punkten für Mitarbeitende attraktiv ist: Diese Punkte umfassen eine positive, wertschätzende Arbeitskultur, marktgerechte Vergütung, Weiterentwicklungs- und Karrieremöglichkeiten sowie angemessene Work-Life-Balance.

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